Die Thörler Hammerwerke
Drei "Eisenglieder" prägten über viele Jahrhunderte das gesamte steirische Eisenwesen: Radmeister, Verleger und Hammermeister. Die Radmeister besaßen die Bergwerke und erzeugten in ihren Radwerken das Eisen. Die Verleger sorgten für den Vertrieb und die Belieferung der Hammerwerke mit Eisen. Die Hammermeister besaßen die Hammerwerke, in denen die Hammerschmiede das Eisen zu Endprodukten verarbeiteten.
Im Gegensatz zu diesem der landesfürstlichen Kammer entsprechenden Organisationsmodell stand das Waldeisen, das von kleineren, nicht zu Kammergut gehörenden Eisenwerken erzeugt wurde. Stift St. Lambrecht hatte bereits bei der Gründung 1103 das Recht der Salz- und Erzgewinnung auf seinen Gütern erhalten. Dieses Recht bildete die Grundlage für die Entwicklung der Eisenerzeugung auf den Stiftsgründen im Aflenztal und damit auch für die Entwicklung der Eisenverarbeitung im Thörlgraben. Das Stift unterhielt zur Verarbeitung seines Eisens insgesamt vier Hammerwerke, von denen zwei im Aflenztal standen. Es geriet wegen seiner Eisenerzeugung immer wieder in Gegensatz zur landesfürstlichen Eisenwirtschaft, war für diese oft eine unliebsame Konkurrenz. Je nach Wirtschaftspolitik des Landesfürsten wurde es teils stark behindert, unter Kaiser Friedrich III. und Maximilian I. aber auch gefördert.
Die Pögel
Spätestens seit 1469 wurden in Thörl Waffen erzeugt. Damals erhielt Peter I. Pögel den kaiserlichen Auftrag, Handfeuerwaffen und Munition zu liefern. Er ist für das Jahr 1467 als Bürger des Marktes Aflenz bezeugt, für dessen Pfarrkirche er den prachtvollen Chorzubau stiftete. Sein Sohn Sebold I. von Pögel übernahm um 1490 die Betriebe am Thörl. Er baute seine Waffenschmiede vom Handwerksbetrieb zum fabrikmäßig arbeitenden Großbetrieb aus. Schon vor dem Ausbau seiner Betriebe in Thörl zur bedeutendsten Erzeugungsstätte für geschmiedete Büchsen hatte Sebold I. von Pögel im kaiserlichen Auftrag Handfeuerwaffen und eine große Anzahl von Kugeln hergestellt. Vor dem ersten Großauftrag ließ Kaiser Maximilian I. durch seinen obersten Hauszeugmeister die Werke am Thörl überprüfen. An geschmiedeten Geschützen, deren Kaliber einheitlich sein musste, lieferte Thörl Kammerschlangen, ganze Schlangen und Haubitzen. Kaiser Maximilian besuchte 1506 Thörl, wohl um die Büchsenschmiede zu sehen. Sebold I. von Pögel wurde vom Kaiser für seine Verdienste in den Ritterstand erhoben und wurde mit zahlreichen einträglichen Ämtern betraut.
Sein Sohn Sebold II. von Pögel baute seinen Einfluss im steirischen Eisenwesen zielstrebig aus und erwarb zahlreiche Besitzungen, darunter die Herrschaft Reifenstein bei Pöls. Er heiratete Cordula, die Tochter Georgs von Herberstein, wurde von Kaiser Ferdinand I. in den erblichen Reichsfreiherrenstand erhoben und stand um 1537 auf der Höhe von Macht und Reichtum. Trotz des Rückganges in der Geschützerzeugung florierten seine Werke. Er kaufte schließlich drei Radwerke in Vordernberg und wollte damit an allen drei Stufen des Eisenwesens teilnehmen. Allerdings stand er damit in schroffen Gegensatz zu den Bestimmungen der landesfürstlichen Kammergutsordnung und wurde heftig angefeindet. 1539 schließlich erfolgte auf kaiserlichen Befehl die Zerschlagung von Pögels Vormachtstellung im steirischen Eisenwesen. Sebold II. Freiherr von Pögel starb ein Jahr nach dieser bittern Niederlage, noch keine 50 Jahre alt. Eine glanzvolle Zeit der Hammerherren am Thörl neigte sich ihrem Ende zu. Mit Adam, dem jüngsten Sohn Sebolds II., erlosch das Geschlecht der Pögel Freiherrn von Reifenstein und Arberg 1575 im Mannesstamm.
Der Obere Hammer
Die beiden bedeutenden Werke, der Obere und der Untere Hammer am Thörl, wurden in den nachfolgenden Jahrzehnten von unterschiedlichen Gewerkenfamilien geführt. Die Gewerken, die den steirischen Eisenadel bildeten, hatten einen ausgesprochenen Sinn für die Tradition ihres Standes. So manche Eheschließung innerhalb des Gewerkenstandes hatte weitreichende Folgen für die weitere Entwicklung der Hämmer am Thörl. Gerade unter den Gewerken, die nur wenig Vermögen in die Ehe mitbrachten, befanden sich einige besonders tüchtige Männer, die mit viel Geschick ihre Betriebe leiteten und zu neuer Blüte führten. Auch so manche Witwe eines Gewerken erwies sich als höchst tüchtig und führte die Werke erfolgreich weiter.
Auf dem Oberen Hammer wirkten um 1630 Andrä Feuchter, dem Jörg von Klingendraht nachfolgte. Er war als Eisenhändler Grazer Bürger und einige Jahre als Bürgermeister der Landeshauptstadt tätig. Er verkaufte 1635 an Tiburz und Cristina Köberl, denen Simon Hauber nachfolgte. Dieser übergab den Hammer 1679 seinem Schwiegersohn Andre Zeyringer, der schon 1690 verstarb. Die Witwe Rosina heiratete 1691 den jungen Gesellen Lorenz Wedl aus dem Markt Aflenz, dem der gesamte Verlass mit der Auflage eingehändigt wurde, ihn seiner Stieftochter nach erlangter Großjährigkeit zu übergeben. Die Übergabe erfolgte erst 1716 an Johann Ferdinand Fürst, der seit 1719 mit Barbara Wedl verheiratet war. Ihre Nachkommen sollten durch weitere fünf Generationen als Gewerken in Thörl tätig sein.
Johann Ferdinand Fürst starb 1747, seine noch unmündigen Söhne konnten die Führung des Werkes nicht übernehmen. Die Witwe Barbara heiratete in zweiter Ehe Josef Anton Pleyberger, dessen Vater den Kruckenhammer am Seebach betrieb. Nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes führte Barbara für mehrere Jahre das Hammerwerk allein. Sie hatte schon 1756 von ihrem Schwiegervater den Kruckenhammer übernommen und war offenbar eine sehr tüchtige Frau, die mit der Führung eines Hammerwerkes bestens vertraut war. Sie hat den Oberen Hammer wirtschaftlich wieder in die Höhe gebracht. 1773 übergab sie die Führung des Werkes an ihren Sohn aus erster Ehe, Franz de Paula Fürst. Er hatte sich, obwohl er schon im fortgeschrittenen Alter stand, erst kurz vor der Besitzübernahme mit der damals 25jährigen Elisabeth Kayser vermählt, einer Tochter des Franz Kayser, dem das Hammerwerk in der Au gehörte.
Franz de Paula Fürst starb bereits 1782. Die Witwe Elisabeth Fürst heiratete noch im gleichen Jahr den aus einer Kalwanger Hammergewerkenfamilie stammenden Vinzenz Pengg, der zunächst als Verweser für seinen Stiefsohn Vinzenz Fürst das Werk führte. Vinzenz Fürst heiratete die Tochter des angesehenen Vordernberger Radmeisters Johann Nepomuk Prandstetter. 1805 verkaufte Vinzenz Fürst seinen Thörler Hammer an seinen Stiefvater Vinzenz Pengg. Mit der Übernahme des Oberen Hammers wurde der Grundstein für die Tätigkeit einer Gewerkenfamilie in Thörl gelegt, die mit der Vereinigung der beiden Thörler Werke die Eisenindustrie am Thörlbach bis heute nachhaltig geprägt hat.
Nach dem frühen Tod seines Vaters übernahm Franz Xaver Pengg 1811 die Führung des Werkes am Thörl in wirtschaftlich sehr schwierigen Zeiten. 1817 vermählte er sich mit Franziska von Reichenberg, die ihm offenbar eine stattliche Mitgift zubrachte. Mangels eines geeigneten Erbens veräußerten Franz Xaver und Franziska Pengg 1841 den Thörler Werksbesitz an Franz Xavers Bruder Ägyd Pengg und dessen Frau Konstanzia, die den Tatschenhammer in der Au betrieben. Zum Thörler Betrieb gehörten damals der Obere Hammer, ein Drahtzug und eine Mühle.
Johann I. Pengg übernahm 1858 im Alter von 32 Jahren den Thörler Besitz. Er hatte eine solide Fachausbildung erhalten und war mit Margarethe Geinsperger verheiratet. Als begabter Industrieller und Kaufmann schuf er aus dem damals rückständigen Oberen Hammer einen auf der Höhe der Zeit stehenden Großbetrieb. Zu diesem gehörten ein Streckwalzwerk beim Oberen Hammer, eine Drahtfabrik, hervorgegangen aus der zum Grobdrahtzug umgebauten alten Mühle am St. Ilgner Bach, und das 1870 errichtete Drahtwalzwerk Margarethenhütte. Für seine Verdienste um die Eisenindustrie und das öffentliche Leben wurde er 1877 als Edler von Auheim in den Adelsstand erhoben. Johann von Pengg starb 1890 im Alter von 67 Jahren.
Sein Sohn Johann II. von Pengg mußte erst 28 Jahre alt den väterlichen Industriebetrieb übernehmen. Mit dem Erwerb des Fürstschen Industriebesitzes im Jahr 1900 konnte ein für seine Zeit sehr leistungsfähiger Großbetrieb mit über 500 Beschäftigten geschaffen werden.
Der Untere Hammer
Der Untere Hammer gehörte um 1577 Wolf Friedrich Friedhofer. Erst mit dem Vordernberger Radmeister Hans von Leitzendorff, der aus einer bedeutende Familie des steirischen Eisenadels stammte, kam 1613 ein erfolgreicher Gewerke in den Besitz dieses Werkes. Ab 1624 betrieb er auch den Hammer im Büchsengut bei Thörl. Nach seinem Tod 1641 ging der Besitz auf seinen Bruder Martin von Leutzendorff, dem auch ein Rauheisenverlag in Leoben und der Wappensteinhammer in Palbersdorf gehörten. Er starb 1668 in Leoben.
Die Führung des Werkes ging auf Johann Sigmund von Welß über, der mit Eva Susanna, der ältesten Tochter des Martin von Leutzendorff verheiratet war. Er leitete von 1672 bis zu seinem Tod 1704 das Werk nicht als Eigentümer, sondern als Verwalter für seinen gleichnamigen Sohn. Er gehörte als Ratsbürger dem Inneren Rat der Stadt Bruck an der Mur an, war kaiserlicher Kammergutbeförderer und Eisenobmann im Brucker Viertel und besaß auch in der Stanz und in Laming je ein Hammerwerk. Johann Sigmund von Welß der Jüngere war Hofkammerrat und Hammermeister zu Bruck an der Mur. Er verkaufte Unteren Hammer in Thörl 1709 an Josef Gasteiger.
Josef Gasteiger von Lorberau war einer jener tüchtigen Männer aus Leoben, die es verstanden, im Eisenwesen Erzeugung und Handel in einer Hand zu vereinigen und daraus großen Gewinn zu ziehen. Durch die Heirat mit Constanze Lauriga von Lorberau es war dies seine dritte Ehe gelang ihm der Eintritt in die vornehmsten Kreise des steirischen Eisenadels. Sein Sohn Franz Gasteiger entwickelte angesichts der schwierigen Versorgungslage mit Holzkohle ein Verfahren, mit dem aus der Steinkohle durch Verkokung ein für die Befeuerung der Eisenwerke brauchbarer Brennstoff gewonnen werden konnte. Er führte die Steinkohlenfeuerung um 1740 im Unteren Hammer in Thörl ein, diese blieb aber für einige Zeit ein technisches Zwischenspiel. Franz Gasteiger starb 1747 im Alter von 42 Jahren. Den Betrieb führte seine Frau Anna Maria, geborene Stadler von Gstirner, durch fast zehn Jahre allein weiter. Sie konnte auch den Schlossbau zu Thörl vollenden. In zweiter Ehe vermählte sie sich 1757 mit Georg Andre Kraßberger.
Josef Karl Gasteiger von Lorberau übernahm 1767 eine florierende Gewerkschaft, ein stattliches Schloss und ein beträchtliches Vermögen. Er und seine Nachkommen wurden 1774 in den erblichen Ritterstand erhoben und mit dem Prädikat Edle von und zu Lorberau ausgezeichnet. Josef Karl Gasteiger starb 1776. Seinem Sohn Josef Gasteiger von Lorberau fehlte das wirtschaftliche Geschick zur Führung der Gewerkschaft. Bei seinem Tod 1798 war der Abstieg der Gewerkenfamilie bereits vorgezeichnet. Sein Sohn Josef Gasteiger von Lorberau der Jüngere konnte letztendlich weder das Schloss noch den Unteren Hammer am Thörl halten. Er musste 1817 seinen Besitz an Johann Nepomuk Lenz verkaufen, der bis 1835 als Gewerke am Thörl tätig war.
Die im Besitz nachfolgende Aflenzer Eisengewerkschaft blieb ein wenig erfolgreiches Intermezzo. Mit Daniel Fischer trat 1839 ein innovativer Unternehmer die Führung des Unteren Hammers an. Die althergebrachten Zerrenn- und Streckhämmer konnten die steigenden Anforderungen nicht mehr erfüllen, das alte Werk musste dringend auf neueren Stand gebracht werden. Daniel Fischer errichtete in Thörl das erste Walzwerk und den unteren Drahtzug. Die umfangreichen Investitionen überstiegen allerdings seine finanziellen Möglichkeiten, der Konkurs war schließlich unabwendbar.
Ignaz Fürst erwarb kurz nach 1870 den Unteren Hammer, baute ihn zu einer Drahtfabrik aus, ersetzte das Wasserrad durch eine Turbine und erreichte eine enorme Steigerung der Produktivität. Zu seinem Werksbesitz gehörten auch das Büchsengut und der Grobdrahtzug in der Zwain bei Thörl. Der umsichtige Gewerke erließ eine fortschrittliche Betriebsordnung und sorgte durch die Gründung einer Bruderlade für die soziale Absicherung seiner Beschäftigten. Er wirkte einige Jahre als Bürgermeister der damals sehr großen Gemeinde Aflenz und auch als Landtagsabgeordneter. Er starb 1888 in Graz. Nach seinem Tod führte der Verwalter Franz Pichler für die Fürstschen Erben den Betrieb, der schließlich 1900 an Johann II. Pengg verkauft wurde.
Mit dem Verkauf wechselten auch alle Werkszeichen, Schutzmarken und das Recht zur Führung der Bezeichnung K. k. priv. Drahtfabrik den Besitzer. Der Firmenname des neuen Betriebskomplexes lautete fortan Joh. Pengg Draht- und Walzwerke Johann II. von Pengg starb 1926 in Aflenz Kurort. Im Werksbesitz folgte ihm sein einziger Sohn, Hans (Johann III.) von Pengg, nach. Er führt das Werk durch die wirtschaftliche schwierigen 30er Jahre, die Kriegszeit und in der Wiederaufbauphase nach 1945. Der 1934 gegründete Werksverein“ war eine Pionierleistung der Sozialpartnerschaft gegründet als Antwort auf die tragischen Ereignisse, die Thörl im Februar 1934 erschüttert haben. In den verschiedenen Werksteilen wurden ständig Produktionsverbesserungen vorgenommen, neue Produkte eingeführt, Werke ausgebaut und unrentabel gewordene Produktionszweige aufgegeben. Johann III. von Pengg starb 1971.
Dipl.-Ing. Gottfried Pengg-Auheim arbeitete nach solider Ausbildung seit 1955 im väterlichen Betrieb und war seit 1961 einer der Gesellschafter der Firma. In seine Zeit als Firmenchef fielen tiefgreifende Veränderungen der Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Umwälzungen und viele Veränderungen in der Produktpalette der einzelnen Betriebe. 1990 wurde das gesamte Unternehmen neu strukturiert. In den folgenden Jahren wurden große Investitionen durchgeführt und einzelne Produktionssparten in selbständige Firmen innerhalb der als Holding fungierenden alten Mutterfirma eingebracht.


