Die Geschichte Thörls

Der landschaftlich reizvolle, vielgestaltige Raum um Thörl ist uralter steirischer Siedlungsboden. Die ältesten Spuren menschlicher Siedlungen reichen hier in die Jungsteinzeit zurück (Rettenwandhöhle im Thörlgraben). Um 600 n. Chr. kamen slawische Siedler in das Aflenztal. So mancher Siedlungsname stammt aus dieser Zeit. Die ersten bayrischen Kolonisten dürften schon im Laufe des 8. Jahrhunderts in dieses Gebiet gekommen sein.

Ein wichtiger Markstein für die Geschichte des Raumes von Thörl ist die Schenkung des Aflenztals durch den Kärntner Herzog Heinrich III. an das Stift St. Lambrecht im Jahr 1103. Das Stift blieb mit seiner großen Propsteiherrschaft Aflenz bis 1848 als Grundherr das bestimmende Element in diesem Raum.
Obwohl einzelne Orte der Gemeinde Thörl erst verhältnismäßig spät urkundlich genannt werden, bestanden manche von ihnen schon seit vielen Generationen. Palbersdorf dürfte z. B. schon im 12. Jahrhundert errichtet worden sein, urkundlich erscheint es erst 1342. Thörl erscheint als toer in der aynoed in einer Urkunde des Jahres 1345. Die Gegend hieß damals noch Einöd, die Straßensperre mit dem namengebenden Tor bestand bereits. Der Gegendname Hinterberg ist erstmals 1253 nachweisbar. So mancher Bauernhof des Gemeindegebietes geht auf einen bereits in der slawischen Siedlungsperiode gegründeten Hof zurück. Bis in höchste Lagen wurden in einem mehrere Jahrhunderte andauernden Besiedlungsvorgang Flächen für Bauernhöfe gerodet.
In der Siedlungsentwicklung der so vielfältigen Gemeinde Thörl spielte seit dem 14. Jahrhundert die Eisenverarbeitung im Raum Thörl eine bedeutende Rolle. Die Enge des Tales ließ hier die Gründung eines Dorfes nicht zu. In die sich über Jahrhunderte hinweg entwickelnde Werkssiedlung wurde allmählich auch der Bereich Einöd im Thörlgraben einbezogen. Außerdem spielte hier die wehrhafte Sperre an der Engstelle mit ihrem "Thörl" eine wichtige Rolle. Aus ihr hat sich Schloss Thörl entwickelt. Das "Alte Haus", über Jahrhunderte als Sitz der Gewerken des Oberen Hammers verwendet, das prachtvolle Schloss und die Villa Auheim dominieren neben der alles überragenden Ruine Schachenstein das Erscheinungs-
bild des Ortes.
Mit der aufblühenden Eisenindustrie unter den Pögel im Spätmittelalter und dem Ausbau der Hammerwerke durch die Gewerkenfamilien Fürst und Pengg im 19. und 20. Jahrhundert mussten die Werksanlagen vergrößert und zahlreiche Wohnhäuser für die Arbeiter errichtet werden. Ausweitungsmöglichkeiten für die Verbesserung der Infrastruktur und den Wohnhausbau gab es vor allem im Bereich von Palbersdorf.
Die Katastralgemeinden Hinterberg, Palbersdorf und Thörl waren seit der Schaffung der politischen Ortsgemeinde als kleinstem Baustein des Staats im Jahr 1849 in den Verband der großen Marktgemeinde Aflenz eingebunden. Mit der zunehmenden Differenzierung der Interessen Industrie im Bereich Thörl, Fremdenverkehr im Bereich Aflenz und Landwirtschaft in den übrigen Katastralgemeinden ergab sich zu Ende des 19. Jahrhunderts der Wunsch nach Aufteilung der Großgemeinde. Der Beschluss zur Trennung wurde 1910 gefasst und sollte nach Genehmigung durch den Landtag mit Jahresbeginn 1915 erfolgen. Wegen des Ersten Weltkrieges konnte die Trennung zunächst nicht erfolgen. Die konstituierende Sitzung der neuen Gemeinde Thörl fand am 13. August 1919 statt.
Mit Beginn des Jahres 1955 trat die Vereinigung der Gemeinde Fölz mit der Gemeinde Thörl in Kraft. Die neue Gemeinde wurde durch die Vereinigung nicht nur flächenmäßig stark vergrößert, sondern um landschaftlich reizvolles Gebiet, um viel Wald und um beste Wasserquellen bereichert. 1955 erhielt die Gemeinde das Recht, ein Wappen zu führen. Es nimmt auf die das Ortsbild beherrschende Ruine Schachenstein und auf die große Bedeutung der Thörler Werke in der metallverarbeitenden Industrie Bezug.
Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war durch große Wohnungsnot, wirtschaftliche Schwierigkeiten und soziale Spannungen geprägt. Bei den beiden großen politischen Lagern formierten sich para-
militärische Gruppen. Auf der eine Seite standen die Heimwehren, deren steirischer Zweig eigentlich den Namen "Heimatschutzverband" führte, auf der anderen Seite der "Republikanische Schutzbund". In der großen Wirtschaftskrise um 1930 traf auch so manchen Bewohner der Gemeinde Thörl das Schicksal des "Ausgesteuerten", denen nach bestimmter Zeit der Arbeitslosigkeit vom Staat kein Arbeitslosengeld mehr ausbezahlt wurde.
Als die politischen Differenzen am 12. Februar 1934 zu einer bewaffneten Auseinandersetzung eskalierten, nahm auch in Thörl eine tragische Entwick-
lung ihren Anfang, in deren Verlauf ein Gendarm tödlich verletzt wurde. Der Gemeinderat von Thörl wurde in der Folge auf Anordnung der Landesregierung aufgelöst, ein Regierungskommissär eingesetzt. Nicht minder schwierig waren die Jahre der NS-Herrschaft und des Zweiten Weltkrieges. Viele Männer aus der Gemeinde Thörl verloren ihr Leben. In den Werkshallen wurde, wenn auch unter schwierigen Bedingungen, doch kontinuierlich gearbeitet.
Als am 9. Mai 1945 die ersten Soldaten der Roten Armee in Thörl einrückten, war die Bevölkerung sehr verunsichert. Ein sowjetischer Offizier besichtigte in den ersten Nachkriegstagen die Werkshallen in Thörl, zeigte sich zufrieden und versprach dem Gewerken Pengg-Auheim weitere Beschäftigung. Aus den Thörler Werken wurde keine Geräte und Maschinen abtransportiert, die Produktion konnte weiter laufen. Der sowjetische Major Prokopienko sorgte für Disziplin seiner Soldaten, die bei Thörl auf der "Greitnerwiese" ein 50 Baracken umfassendes Lager aufgerichtet hatten. Dennoch war die Erleichterung sehr groß, als die Steiermark auf Grund des Zonenvertrages im Juli 1945 der britischen Besatzungszone zugeordnet wurde.
Wenn die Thörler Werke florierten, hatte die Bevölkerung Arbeit und die gewerbliche Wirtschaft Aufträge. Die Gemeinde tätigte große Investitionen, um die ständig steigenden Anforderungen bei den kommunalen Aufgaben erfüllen zu können. Volksschulneubau, Hauptschulneubau, Hallenbad, Gemeindewegebau, Sicherung Wasserversorgung und Abwasserreinigung waren große Aufgaben. Aus der einstigen Industriegemeinde wurde in den letzten Jahrzehnten eine attraktive Wohnsitzgemeinde mit einem blühenden Kultur- und Vereinsleben. 1994 erfolgte in Anerkennung dieser Leistungen die Erhebung zur Marktgemeinde.
Die Volksschule Thörl bestand um 1870 zunächst als Expositur von Aflenz. 1875 ließ der Gewerke Ignaz Fürst auf eigenen Kosten in Thörl ein Schulhaus errichten und schenkte es der Gemeinde. 1950 erhielt Thörl eine Hauptschule, die zunächst als Expositur von Kapfenberg geführt wurde und in den Räumen der alten Volksschule untergebracht war. Die neu erbaute Hauptschule konnte im Herbst 1952 bezogen werden.
In pfarrlicher Hinsicht gehörte Thörl seit der Besiedlung im Mittelalter zur alten Pfarre St. Peter in Aflenz. Die rasch wachsende Bevölkerung ließ nach der Mitte des 20. Jahrhunderts den Wunsch aufkeimen, für Thörl eine eigene Pfarre zu gründen. Für die Angehörigen der evangelischen Glaubensgemeinschaft bestand schon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts eine eigene Predigtstation. 1913 wurde in Palbersdorf mit dem Bau einer eigenen Kirche begonnen. Die neue Christuskirche konnte am 29. Juni 1914 geweiht werden überschattet von der Nachricht über die Ermordung des Thronfolgerpaares in Sarajevo. Gewerke Hans (Johann III.) von Pengg stiftete das für den Pfarrhof und die neu zu erbauende katholische Kirche erforderliche Grundstück. Bis zur Errichtung einer eigenen Pfarrkirche diente die Barbarakapelle des Schlosses Thörl als Gottesdienstraum. Im Oktober 1962 begann der Neubau der Kirche, am 21. Juni 1964 wurde die neue Pfarrkirche geweiht und die bisherige Expositur Thörl zur selbständigen Pfarre erhoben.